"Mit dem Abwurf von Lebensmitteln ernähren die USA die Taliban"

UN-Berichterstatter dringt auf Trennung von Bombardierung und Hilfe in Afghanistan / Weltweit 815 Millionen Hungernde

Von Pierre Simonitsch

Die Staatengemeinschaft fällt immer weiter hinter ihr Ziel zurück, die Zahl der hungernden Menschen bis 2015 zu halbieren. Das beklagt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in ihrem Jahresbericht. Der Berichterstatter der UN-Menschenrechtskommission, Jean Ziegler, wirft den USA vor, sie ernährten mit den abgeworfenen Lebensmitteln in Afghanistan die Taliban.

GENF, 15. Oktober. 815 Millionen Menschen müssen hungern. Das schätzt die FAO in ihrem Bericht zur "Ernährungs-Unsicherheit in der Welt", den sie am Montag vorgestellt hat. Um diese Zahl bis 2015 auf 400 Millionen zu verringern, müssten jedes Jahr 22 Millionen Menschen dem Hunger entrissen werden. Tatsächlich nimmt ihre Zahl jedoch laut FAO nur um sieben Millionen jährlich ab.

Die Kluft zwischen dem Ziel und der Realität wächst also. Auch der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission, Ziegler, bewertet das bisherige Ergebnis der Kampagne als "totalen Misserfolg". Infolge der "kapitalistischen Globalisierung" sei der Hunger in der Welt sogar noch schlimmer geworden, meint Ziegler, der in Genf seinen zweiten Bericht über das Recht auf Nahrung vorgelegt hat. Durch die Liberalisierung und Privatisierung staatlicher Dienste in so genannten Entwicklungsländern verdienten die armen Schichten weniger, während die Preise für Nahrung und Wasser stiegen.

Der Schweizer Soziologieprofessor und Bestseller-Autor geißelt die Politik der USA, zwischen den Bombenangriffen in Afghanistan Nahrungsmittelpakete abzuwerfen. "Die humanitäre Hilfe muss von den militärischen Handlungen strikt getrennt werden", verlangt Ziegler. Nach dem Abzug der UN und der humanitären Organisationen gebe es in Afghanistan kein Hilfswerk mehr, das die abgeworfenen Güter in Empfang nehmen und gerecht verteilen könnte. "Die ausgehungerten Leute laufen durch Minenfelder und riskieren ihre Verstümmelung. Die Nahrung wird ihnen aber von den Taliban weggenommen, weil diese die Gewehre besitzen", moniert Ziegler. Auf diese Weise ernährten die USA die Taliban.

Der UN-Berichterstatter prangert den Abwurf von Lebensmitteln als "perverse Aktion geopolitischer Propaganda" an, mit der die USA die islamische Welt beruhigen wollten. Für die internationalen Hilfswerke sei dieses Vorgehen Washingtons eine "völlige Katastrophe". Die UN existierten im Afghanistankonflikt nicht mehr.

In seinem Bericht über das Recht auf Nahrung geht Ziegler auf mehrere Fälle ein, in denen politische Konflikte die Bevölkerung zum Darben zwängen. "Es kann kaum bezweifelt werden, dass die 1991 von den Vereinten Nationen gegen Irak verhängten Wirtschaftssanktionen eine klare Verletzung der Verpflichtung darstellen, das Recht der irakischen Bevölkerung auf Nahrung zu achten", heißt es darin.

Auch Israel wird in dem Bericht kritisiert: Die von der israelischen Regierung im September 2000 verfügte Absperrung der besetzten palästinensischen Gebiete habe den dort lebenden Menschen den Zugang zu Lebensmitteln und Wasser erschwert. Der UN-Sonderberichterstatter klagt Israel an, besonders den schwachen Gruppen in den besetzten Gebieten wie Kindern und Flüchtlingen, denen es an Nahrung fehle, dauerhafte Schäden zuzufügen. Dabei bezieht sich Ziegler auf Berichte nichtstaatlicher Organisationen.

Dem Regime in Nordkorea wirft Ziegler vor, es lasse der Bevölkerung nicht die Nahrungsmittel zukommen, die das Welternährungsprogramm (WFP) zur Linderung der Hungersnot liefert.

 

[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 15.10.2001 um 21:25:04 Uhr
Erscheinungsdatum 16.10.2001