Porträt (Nr. 43, 26.10.2001)

IM GESPRÄCH / Martin Walser über den 11. September, die Kapitulation der Politik und das Unglücksglück in seinem neuen Roman

Die Welt ist weder gut noch böse

Distanz schaffen, zum Denken anregen: Das ist für den Schriftsteller die wichtigste Aufgabe der Intellektuellen in globalen Krisenzeiten.

Martin Walser: "Meine Helden leben von ihren Schwierigkeiten."
Foto: Peter Peitsch


RHEINISCHER MERKUR: Herr Walser, seit Wochen bestimmen die Terroranschläge vom 11. September die politische Tagesordnung. Wie erlebten Sie die Ereignisse?
MARTIN WALSER: Man hat schon viel gelesen, Bekundungen zur Kenntnis genommen von Leuten, die haarklein berichten, was sie gerade getan haben, als sie von der Katastrophe hörten, ob sie gerade den Eisschrank zu- oder aufgemacht haben oder was auch immer. Angesichts des Ereignisses, so glaube ich, verschwindet das, was man da gerade getan hat. Ich musste am Abend des 11. September in Bamberg lesen. Ich fragte mich: Wie kann man an einem solchen Tag aus einem Roman lesen, der "Der Lebenslauf der Liebe" heißt? Doch die Organisatorin der Lesung sagte, wir machen das jetzt. Einfach mit der Lesung zu beginnen ging aber nicht. Also folgte ich wie immer in solchen Situationen einem inneren Impuls und habe gesagt: Die Amerikaner pfuschen mir schon wieder drein. Die Leute haben irritiert geschaut, und ich habe erzählt, dass am 21. November 1963 mein Stück "Überlebensgroß Herr Krott" in Stuttgart uraufgeführt werden sollte, wegen der Ermordung Kennedys aber abgesagt wurde. Danach habe ich gelesen, und später haben zwei Zuhörer mir gesagt: Sie haben uns den Tag vergessen lassen. Das war eine schöne Erfahrung für mich als Autor.

  Häufiger wird der 11. September bereits als Beginn eines neuen Zeitalters begriffen, als eigentlicher Beginn des 21.Jahrhunderts. Wie beurteilen Sie dies?
  
Das halte ich für Betriebshektik, für Medienhektik und Meinungshektik, man muss ja heute für alles gleich abschließende und großformatige Sätze sprechen. Man hat, glaube ich, in der Geschichte der Menschheit noch nie gemerkt, wann eine neue Epoche begonnen hat; das weiß man immer erst viel später. Als Kolumbus Neuland betreten hat in Amerika, wusste man nicht einmal genau, wo er sich befand.

  Der Einsatz von US-Bodentruppen hat in Afghanistan mit Kommando-Unternehmungen begonnen. Die Hoffnung, dass Kriege der Vergangenheit angehören könnten, muss um einmal mehr begraben werden. Welches Verhältnis haben Sie zu den Militärschlägen gegen das Taliban-Regime?
  
Ich persönlich könnte an keinem Krieg teilnehmen, ich könnte weder auf den Knopf drücken, der die Bombe löst, noch sonst etwas Praktisches dabei tun, also kann ich auch nicht dafür sein, dass andere das machen. Ich halte Kriege für keine Lösung. Für mich bedeuten sie eine Kapitulation der Politik. Ein Krieg wie dieser jetzt, überhaupt diese neuen CNN-Kriege, die wir wie den Golfkrieg am Fernsehschirm wahrnehmen, die meist in der Dritten Welt stattfinden und das Bild eines angeblichen sauberen Krieges vermitteln, sie erinnern mich an die deutsche Kanonenbootpolitik von Kaiser Wilhelm II.: Man macht das, was man sich aufgrund der eigenen Machtstellung glaubt erlauben zu können. Ich denke nicht, dass das politisch weiterführt. Für mich hat Präsident Bush viel zu viel von Gut und Böse geredet, und er hat schon früher ganze Staaten zu Schurkenstaaten ernannt. Ich denke, eine Politik, die darauf beruht, strikt in Gut und Böse einzuteilen, ist absolut hoffnungslos. Auf diese Weise schafft es Osama bin Laden, dass die westliche Seite genauso daherredet wie er. John le Carré hat gerade treffend geschrieben, wer jetzt nicht genau den Ton der Gut-und-Böse-Rhetorik anschlage, der sei schon verdächtig, und das ist jetzt noch mehr der Fall als beim Golfkrieg. Ich fühle mich einfach nicht auf der Seite von Menschen, die Krieg führen. Es muss andere, politische Mittel geben. Sonst muss man kapitulieren und sagen: Soll's doch ein anderer probieren, vielleicht könnte es ein anderer Präsident besser machen. Und die vollmundige Zustimmung zumal, die in Deutschland gang und gäbe ist, die tut mir schon ein bisschen weh.

  Sehen Sie, wie Botho Strauß oder manche andere, in der jetzigen Entwicklung auch eine Konsequenz der Globalisierung, der medialen und wirtschaftlichen, sodass das eine das andere auch wechselseitig bedingt?
  Auf jeden Fall ist es uns nicht gelungen, dem Radikalismus und Terrorismus den Boden zu entziehen, weder durch unsere Politik und Entwicklungshilfe noch durch Aufnahme von Beziehungen jeglicher anderer Art. Es kommt einer Bankrotterklärung gleich, dass wir jetzt einen neuen Krieg führen. Ich halte diese so genannte Globalisierung nicht für etwas ganz anderes als dasjenige, was wir vorher hatten, die Wirtschaftsbeziehungen bestanden auch zuvor schon. Globalisierung, das ist vielleicht eine Art Beschleunigung, aber es ist nichts ganz Neues. Jürgen Habermas hat schon vor Jahren in der so genannten Globalisierung eine Bestätigung seines eigenen Universalismus gesehen, er ist immer froh, wenn die Nation relativiert wird und es zu größeren Einheiten kommt. Das kommt mir aber alles sehr abstrakt vor, wie eine reine Laborfiktion. Ich glaube nicht, dass die Nationen weniger wichtig werden, und auch die jeweiligen politischen Verantwortlichkeiten bleiben bei den einzelnen Staaten. Wir können nichts nach Brüssel oder nach Washington oder an die Uno delegieren. Auch den Kampf gegen den Terrorismus übrigens nicht. Ich denke wie John le Carré: Wenn es gelingt, Osama bin Laden zu fangen und zu töten, schaffen wir einen Märtyrer, der viele Nachfolger finden wird.

  Welche Aufgabe haben die Intellektuellen in Zeiten wie diesen? Was sollten sie tun, statt nur, mit Botho Strauß zu reden, Betroffenheitsrepräsentanten zu sein oder, um das zu zitieren, was Sie seit Jahren kritisieren, nur sprachregulierende Meinungssoldaten der politischen Korrektheit zu sein?
  
Der Unisonochor der Betroffenheit, das Vibrato der Empörung, das auch bei Außenminister Fischer und Kanzler Schröder zu hören ist, produziert bei Intellektuellen ein Distanzgefühl, und da sagt man dann auch schon einmal: Entschuldigung, ich weiß nicht, ob Sie ihre Politik wirklich mit diesem Vibrato vortragen müssen. Bundeskanzler Schröder ist doch sonst auch ein intelligenter und vernünftiger Mensch... Vielleicht fällt es mir ja leicht, so zu reden, denn ich bin eben nicht in diesem Augenblick so gefordert wie Spitzenpolitiker. Vielleicht muss man so sprechen, wenn man an ihrer Stelle ist. Doch im Lauf der Zeit sollte man sich auch wieder beruhigen und nachdenken. Man darf es nicht beim Kriegsführungsvibrato belassen, darauf hinzuweisen ist eine Aufgabe der Intellektuellen.

  Es gibt Menschen, die sehen mit dem 11. September das Ende der Spaßgesellschaft gekommen, eine Rehabilitierung des Ernstes, ein Wiedererstarken des Politischen...
  
Spaß oder Ernst, das sind so wenig strikte Gegensätze wie Gut und Böse. Ich hatte übrigens nie das Gefühl, in einer Spaßgesellschaft zu leben. Wenn die Menschen etwas mit ihrer Freizeit anzufangen wissen, ist das doch positiv. Das macht aber doch keine ganze Gesellschaft und schon gar kein Zeitalter aus. Ich halte solche Etikettierungen nicht für angemessen.

  Selbst im Kontext des Terrors gibt es Dinge, die nicht immer klar zwischen Ernst und Unernst unterscheiden lassen. Die Anschläge aufs World Trade Center, die sich nähernden Flugzeuge und die Explosionen liefert das Fernsehen in zigfacher Wiederholung und aus den verschiedensten Perspektiven, wodurch sie eine grausig ästhetische Dimension erfahren. Dies ist ja der ernst zu nehmende Kern der Aussage von Karlheinz Stockhausen, der im Übrigen reichlich verquer die Anschläge als "größtes Kunstwerk" bezeichnete.
  Sicher, die Bilder vom Terror gehen auch ein ins allgemeine Bildarchiv und verlieren so ihren Schrecken. Ästhetische Dimensionen haben übrigens Katastrophenszenarien schon immer gehabt, Schiffsuntergänge zum Beispiel oder auch Kriegsereignisse, Zerstörungen. Aber nur solange man keine Menschen sieht, die zu Schaden kommen. Der ästhetische Eindruck hat sich für mich aufgelöst, als ich die Person oben im World Trade Center sah, die mit einem Tuch um Hilfe winkte.

  Angesichts des literarischen Herbstes und kurz vor der Frankfurter Buchmesse sind einige Kommentatoren und Literaturbeobachter zu der Meinung gelangt, passend angeblich wiederum zur Weltlage, die deutsche Literatur habe den Ernst wiederentdeckt. Würden Sie solch ein Urteil bestätigen, oder ist das für Sie einfach nur abstrus?
  Das gehört einfach zum Betriebsspiel, jede Saison braucht Etiketten, und da klebt man dann solche wie "Ernst wiederentdeckt" oder "neue Unübersichtlichkeit" oder andere Verallgemeinerungen drauf. Wo sie den Ernst entdeckt haben, das müssen diese Literaturbeobachter sagen, nicht ich. Im Übrigen reagiert Literatur natürlich nicht auf tagesaktuelle Ereignisse, das kann sie ja gar nicht. Deshalb war es auch Unsinn, gleich nach der deutschen Wiedervereinigung den Roman zu fordern, der sie reflektiert.

  Nachdem Sie in Ihrem vorherigen Roman "Ein springender Brunnen" in die Vergangenheit zurückgegangen sind, sind Sie im "Lebenslauf der Liebe" wieder in die Gegenwart zurückgekehrt, dorthin, wo Sie als Schriftsteller sich eigentlich immer aufgehalten haben. Darf man den Roman als zeitkritischen Gegenwartsroman lesen? Zuweilen wird er ja auch als Roman der New Economy bezeichnet, manchmal als satirischer Gegenwartsroman...
  Jeder Einzelne liest ja nicht mein Buch, sondern sein eigenes Buch, fasst Dinge auf eine Weise auf, die meiner eigenen gar nicht entsprechen mag, und das ist auch richtig so. Ich habe mich dennoch nie, so glaube und hoffe ich, missverstanden gefühlt. Auch dann nicht, wenn jemand das Buch als Satire liest, obwohl ich nie eine Satire schreiben könnte, eine solche Schreibhaltung entspricht mir einfach nicht. Ich schreibe einen Roman so, wie ich ihn aus dem jeweiligen Stoff herausarbeiten kann, und zudem habe ich gewisse Genauigkeitsvorstellungen, gewisse Erfüllungsvorstellungen, gewisse sprachliche Erwartungen. Daraus entwickelt sich ein Buch mit vielen Stimmungen und Farben, und dieses wird natürlich von jedem Leser gewissermaßen simplifiziert auf sein Segment. Dadurch kommen solche Bezeichnungen zustande. Gegen sie ist überhaupt nichts zu sagen. Zum Thema New Economy: Für mich war es nicht die Hauptsache, aber eine ganz wichtige Nebensache, dass ich in der Figur dieses Edmund Gern einmal einen Wirtschaftenden erzählen konnte, wie der aufblüht und vergeht, weil er sich infiziert an der neuen Spekulationsmasche. Aber das bleibt eingebettet in das Gesamte, in den Lebenslauf der Liebe. Der Wirtschaftende ist auf seine Art und Weise auch ein Liebender.

  Man hat Sie als Unterlegenheitsspezialisten charakterisiert. Fügt sich Susi Gern nahtlos ein in die Reihe Ihrer Hauptfiguren, die Helmut Halms und Anselm Kristleins?
  Meine Helden leben von ihren Schwierigkeiten, und Susi natürlich auch, sie hat einen Glücksanspruch und geht von ihm nicht ab. Das Glück gelingt aber nie so, wie sie es will, aber sie gibt nicht auf. Sie gibt zu, dass sie glücklich sein will. Das hat mich am meisten fasziniert, ein Mensch, der nicht dauernd mit der Apokalypse hausiert, sondern glücklich sein will. Das wollen zwar die meisten Menschen. Wir reden aber nicht gern davon, weil es nicht so interessant ist, wie vom Unglück zu reden. Susi spricht ja von ihrem Unglücksglück. In dem Wort ist beides drin, damit entspricht Susi Gern auch meinen früheren Helden. Gestern wurde ich sogar darauf hingewiesen, dass der Begriff, was ich nicht mehr wusste, schon in meinem "Schwanenhaus" vorkomme. Ich muss zu Hause nachschauen, ich kann es immer noch nicht fassen.

  Das Buch endet in der Silvesternacht der Jahrtausendwende. Susi Gern schaut mit ihrem marokkanischen Lebenspartner Khalil aus dem Fenster ins Offene, in eine offene Zukunft. Vielleicht könnte man ja sagen, dass ihr verstorbener erster Mann Edmund gewissermaßen die alte Bundesrepublik verkörperte und sie so im doppelten Sinn vor einer offenen Zukunft steht. Wie wird es weitergehen mit ihr und Khalil und mit der Berliner Republik?
  Auf jeden Fall, und das ergibt sich ganz und gar aus dem Stoff, wird hier erzählt, dass jemand, der in der allgemeinen Erfolgsschwemme nicht mithalten kann, bei Ausländern landet, bei einem Marokkaner, einem strenggläubigen Muslim, einem Außenseiter. Eine Frau, die ihr Leben lang gelitten hat, weil sie immer wollte, dass ihr Mann nur sie liebe und keine andere, die keinen Mann mit anderen teilen kann, sie kriegt jetzt einen sehr viel jüngeren, der ihr treu ist, weil er ein strenger Muslim ist, keinen Alkohol, kein Schweinefleisch, keine fremden Frauen. Das ist ihr Unglücksglück: Sie möchte lieber, dass der sie von selber liebte oder ihr treu wäre, und sie merkt, sie muss ihn mit Gott teilen. Susi ist ein multikulturelles Erzgeschöpf, der Lebenslauf der Liebe von Susi Gern ist ja gespickt mit Nordafrikanern und Indern. Und warum? Die sind leichter zu haben. Schlüsse müssen bei mir immer so gut wie möglich sein. Ich möchte meinem Roman den bestmöglichen Schluss erschreiben. Was die Romanmasse gerade noch hergibt an Helligkeit, möchte ich in den Schluss hineinlenken, weil ich dafür bin, dass Sachen gut ausgehen. Man merkt schon, dass das vielleicht nicht so bleiben kann, wie es einem im Schlussbild begegnet, aber trotzdem ist der dargestellte Moment eine gesteigerte Zeit.

  Haben Sie schon ein neues literarisches Projekt in Arbeit?
  Ich würde ganz gern etwas schreiben, das den Arbeits- oder endgültigen Titel "Die Geheimhaltung" hätte. Das wäre nichts anderes, als das Wort sagt - kein Mensch könnte leben ohne Geheimhaltung. Man selbst ist ja vor allem in seinem Geheimgehaltenen; man spricht meist nicht aus, worin das eigene Selbstverständnis gründet. Ein solcher Text müsste teilweise erzählt werden, teilweise aber auch essayistisch sein. Dieses Projekt wäre mir das liebste.
  
Das Gespräch führte Thomas Groß.


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