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HNA - JOURNAL
"Eine Strafaktion ist kein Krieg"

VON DEN HNA-REDAKTEUREN DETLEF SIELOFF und WERNER FRITSCH

Kassel - Der Philosoph Oskar Negt plädiert im SonntagsZeit-Interview für materielle und politische Hilfe für die islamische Welt.
 
OSKAR NEGT
Herr Prof. Negt, nach den Anschlägen in den USA sprach US-Präsident Bush vom ersten Krieg des 21.Jahrhunderts. Sind wir im Krieg oder im Kampf gegen ein besonders brutales Verbrechen?

NEGT:
Bei Clausewitz ist der Kriegsbegriff philosophisch formuliert worden als ein Akt der Gewalt, um den Gegner wehrlos zu machen und in unseren Willen einzuspannen - die berühmtere Formulierung ist die vom Krieg als einem anderen Mittel der Politik. Clausewitz definiert ganz klar Krieg nicht als einen Vernichtungsfeldzug gegenüber dem Gegner, sondern um dessen Willen für eigene Zwecke zu brechen. Auch die Nato-Strategie ist eigentlich auf einen Krieg gerichtet, der die nationalen Erklärungen von Kriegsaktionen enthält. Die Begriffswelt des Krieges hängt an mehr oder weniger souveränen Staaten, und die Übertragung dieses Begriffs auf die Situation eines Terroranschlags - ob er von innen oder von außen kommt - halte ich für eine sehr gefährliche Sache.

Warum?

NEGT:
Weil dieser Kriegsbegriff eingebunden ist in eine quasi-religiöse Kreuzzugsidee. Niemand von den Nato-Strategen in der Nachkriegszeit hätte daran gedacht, dass in einem Krieg der Gegner durch Geheimdienste und Polizei erst ausfindig gemacht werden muss. Das ist eine ganz neue Situation. Und nach zwei Wochen Bombardement sieht man noch immer nicht, welches die Kriegsziele sind. Wer ist eigentlich der Feind, der getroffen werden soll und dessen Wille gebrochen werden soll? Die Klarheit der Ziele verbindet sich aber seit Clausewitz mit dem Begriff des Krieges.

Jeder Krieg muss irgendwann zu Ende gehen. Mit wem soll Frieden geschlossen werden?

NEGT:
Ich halte es für notwendig, die Attentäter ausfindig zu machen und zu bestrafen, durch eine internationale Gerichtsbarkeit oder diejenigen, die unmittelbar davon betroffen sind. US-Präsident Bush hat den Begriff des Dschihad, des Heiligen Krieges, anfangs mit dem Kreuzzugsgedanken verknüpft. Das wäre dann ein Kampf von Glaubensmächten. In Europa haben wir aber Jahrhunderte benötigt, um diese Begriffe zu säkularisieren und den Begriff des Krieges zu trennen vom Glaubenskrieg. Das ist eine der großen Errungenschaften der europäischen Zivilisation: Glauben und Wissen, Legalität und Moralität zu entmischen.

Der Bundeskanzler hat von einem Angriff auf die zivilisierte Menschheit gesprochen.

NEGT:
Das kann man so sehen. Zivilisierte Menschheit bedeutet aber auch, dass wir nicht in der gleichen Weise reagieren können wie Systeme, die mit solchen Glaubenskriegen drohen.

Was waren denn die Angriffe gegen das World Trade Center und das Pentagon?

NEGT:
Terror, Einschüchterung, menschenverachtender Terror.

Und die militärische Aktion dagegen?

NEGT:
Das ist die Übertragung einer innenpolitischen Strafaktion gegenüber kriminellen Gruppen auf das internationale Feld. Ein Rachefeldzug ist kein Krieg. Clausewitz hat darauf hingewiesen: Krieg muss ein klares Ziel haben und die Absicht eines Friedensschlusses. Und er sagt: Die bloße Abwesenheit von Krieg ist nicht Frieden. Frieden besteht darin, dass ich den ursprünglichen, ohnmächtig gemachten Gegner wieder in die Autonomie einer Lebensfähigkeit versetze. Das ist Frieden. Und nur mit einem lebensfähigen Gegner kann ich überhaupt einen Friedensvertrag schließen. Ich kann nicht mit einer zerbombten Landschaft Verträge schließen.

Wer wäre denn Friedenspartner in Afghanistan?

NEGT:
Sie sehen ja, dass die Amerikaner gegenwärtig bemüht sind, mit der Nordallianz einen Partner für einen möglichen Friedensschluss zu finden. Die Situation ist aber gefährlich - wenn der amerikanische Gegenschlag beispielsweise dazu führen sollte, dass Pakistan unter Taliban-Einfluss gerät.

Woher rühren die Feindschaft und der Hass der Terroristen?

NEGT:
Ich bin der Auffassung, dass diese Verschärfung der Situation, die dazu führt, dass immer mehr Selbstmordattentäter auftreten, mit der Tempelbergbesteigung von Ariel Scharon begonnen hat. Hier ist das islamische Selbstgefühl zutiefst verletzt worden, indem die Israelis ihren Herrschaftsanspruch gegenüber dieser Heiligen Stätte demonstrierten. Hinzu kommt, dass die Schuld für die Not der arabischen Welt dem Westen zugesprochen wird.

Aber die Vorbereitungen für die Anschläge in den USA liefen doch über Jahre, schon vor der Aktion Scharons.

NEGT:
Die ausweglose Situation der Palästinenser ist gewiss nicht die einzige Ursache für diesen hasserfüllten Terror. Ich glaube nur, es ist nicht zufällig, dass seit der Scharon-Aktion die Zahl der Selbstmordattentate sprunghaft angestiegen ist.

Die Attentäter kommen aber nicht aus Palästina.

NEGT:
In dieser gespannten sozialen Situation in Palästina nehmen natürlich die Stellvertreter-Handlungen zu. Die Attentäter kommen ja nicht aus den Flüchtlingslagern. Das sind hochgebildete Leute, die ganz andere Karrieren einschlagen könnten. Es ist häufig so, dass die Attentäter nicht zu denen gehören, die arm und ausgebeutet sind. Aber sie verstehen sich als Stellvertreter, die den Ohnmächtigen Macht und den Unterdrückten einen Weg aus ihrer Not versprechen.

Wie erklären Sie sich diesen Vernichtungswillen, der bis zur Selbstauslöschung geht?

NEGT:
Es gibt eine Durchschnittsrate von Selbstmördern in einer Gesellschaft, die ziemlich konstant ist. Wenn diese Selbstmörder an religiöse Ziele angebunden werden, ihrem Selbstmord gleichsam ein zusätzlicher Sinn gegeben wird, dann kann sich das zu solchen Aktionen wie in den USA steigern. Was in New York und Washington geschah, ist aber zugleich hochorganisierte Menschenverachtung. Die Attentäter haben ja bewusst einen Zeitpunkt des Angriffs auf die Türme gewählt, als das World Trade Center vollbesetzt war. Entscheidend war also die Tötungsabsicht.

Leidet der Islam unter einem Widerspruch, der dann zu gewaltsamen Ausbrüchen führt - einerseits ein kulturelles Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, andererseits eine bedrückende Realität?

NEGT:
Die eigentlichen Herde des Terrorismus sind die wachsenden Flüchtlingslager der Welt. Und wenn man diese Flüchtlingslager, also dieses Elend in diesen islamischen Staaten, nicht beseitigt, dann erscheint der Fundamentalismus wie eine sinnvolle Antwort, als Rache an den reichen Nationen, und er gewinnt dadurch eine ungeheure Attraktivität bei den ausgebeuteten, verelendeten Massen. Eine zweite Ebene ist die Globalisierungspolitik. Sie müsste im Sinne Clausewitz darauf zielen, die Autonomie, die Arbeits- und Erwerbsgesellschaften dieser Länder zu stützen und nicht nur den Weltmarkt zu öffnen.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen dem islamischen Fundamentalismus und dem christlichen oder jüdischen Fundamentalismus?

NEGT:
Nein, überhaupt keinen. Ich glaube, diese Fundamentalismen und Orthodoxien enthalten alle Feinderklärungen, und diese Feinderklärungen haben wechselnde Inhalte, also auch verschiedene Objekte. Das können die Amerikaner sein, das können die Westeuropäer sein. Ob Hamas oder die radikalen jüdischen Siedler - beide sind gerichtet auf Unterbrechung einer verständigungsorientierten Vernunft, und das bedeutet in der Regel Krieg oder Terror, jedenfalls Unterbrechung von Verhandlungsfähigkeit.
Ich will nicht alles auf die sozialen Verhältnisse zurückführen. Ich will nur den Nährboden für solche Aktionen bezeichnen, in denen Stellvertreter und Propheten auftreten und gleichsam den Angst-Rohstoff, der da ist, aufgreifen und bündeln. Bin Laden ist einer derjenigen, der diesen Rohstoff bündelt, und zwar, wie man jetzt weiß, sehr geschickt und erfolgreich.

Müssen wir uns, wie Jürgen Habermas es fordert, wieder stärker auf einen religiösen Diskurs einlassen?

NEGT:
Religion kann man nicht durch atheistische Propaganda aus der Welt schaffen. Man kann den Menschen die Religion nicht ausreden. Habermas sagt, wir können eine Gesellschaft nur säkularisieren, indem wir die Substanzgehalte dieser Religion aufnehmen und sie nicht einfach ignorieren. Das gilt sowohl für christliche wie für islamische Traditionen. Wir können sie nur domestizieren und säkularisieren in einem demokratisch verfassten System, wenn wir die Gefühle, die hier ausgedrückt sind - das Bedürfnis nach ewigen Leben etwa - ernst nehmen, aber gleichzeitig von staatlichem Handeln trennen.

Wie soll es mit Afghanistan weitergehen?

NEGT:
In Afghanistan entsteht jetzt eine gesellschaftliche Wüste. Wenn die USA noch vier Wochen weiter bombardieren, nach zehn Jahren Bürgerkrieg, dann ist Afghanistan menschenleer, und alles an Infrastruktur ist zerstört. Dann hat Afghanistan aufgehört zu existieren. Es existiert nur noch in Gestalt von Flüchtlingslagern in Pakistan. Man müsste Abermilliarden reinstecken, um so ein Land wieder lebensfähig zu machen.

Also ein Marshallplan?

NEGT:
Das ist unabdingbar. Die Militärschläge der USA lassen sich nur rechtfertigen in der Einbindung eines Entwicklungsplanes nach dem Modell jener solidarischen Hilfe des amerikanischen Außenministers Marshall, der erkannte, dass nur die Wiederherstellung der Autonomie des besiegten Kriegsgegners Frieden schaffen kann. Dann kann man sagen, wir stecken den größten Teil der Mittel nicht in die militärische Aktion, sondern in die Entwicklung des Landes.

Die Probleme sind riesig. Reicht eine bloße Tendenz zur Verbesserung der Lage bereits aus, um die Situation zu entschärfen?

NEGT:
Ja. In einem ersten unabdingbaren Schritt müssen die Palästinenser ihren eigenen, souveränen Staat erhalten. Ich glaube, diese Souveränität wird zu einer ungeheuren Beruhigung der Situation führen. Natürlich kann kein Mensch garantieren, dass dann der Terror verschwindet. Aber ich glaube, dass dann der fruchtbare Boden für den Terror schrumpft.

OSKAR NEGT
ist seit 1971 Professor für Soziologie an der Universität Hannover. Gastprofessuren führten den Sozialwissenschaftler und Philosophen, der in der Tradition der von Adorno und Horkheimer verkörperten Kritischen Theorie steht, nach Milwaukee, Bern und Wien. Bekannt wurde Negt, Jahrgang 1934, durch das Buch Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen (1968). Mit dem Filmemacher Alexander Kluge hat Negt mehrere Gemeinschaftswerke verfasst: Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) sowie Geschichte und Eigensinn (1981). Seine Analyse Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht erschien 1995, zwei Jahre später Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche. In diesen Tagen erscheint sein Buch Arbeit und menschliche Würde.


  
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