"Krieg schafft Hass"

Aufruf von Literaten und Menschenrechtlern

Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan sind für eine Reihe von Literaten und Menschenrechtlern aus aller Welt kein Grund, die Ablehnung kriegerischer Mittel zu revidieren. Auf Initiative der Hilfsorganisation "medico international" haben unter anderem die Nobelpreisträger Günter Grass (Deutschland), José Saramago (Portugal), Rigoberta Menchú (Guatemala) und José Ramos-Horta (Osttimor) den Text unterzeichnet, den die FR dokumentiert.

Aus unterstützenden militärischen Aktionen zur Verhaftung eines Terroristen ist ein umfassender Angriff gegen eines der ärmsten Länder der Welt sowie seine von Hunger und Armut gepeinigte, von Entwurzelung und Tod bedrohte Bevölkerung geworden.

Die Spaltung der Welt in Arm und Reich war nicht die Ursache des mörderischen Anschlags vom 11. September. Nun aber vertiefen die Angriffe auf Afghanistan diese Spaltung und mehren damit die Gründe, den Westen und seine Zivilisation zu hassen. Künftig wird der Westen noch weniger als bisher mit seinem Besten, mit Demokratie, Rechtsstaat und Wohlstand, sondern nur noch mit seinen Schattenseiten, mit Respektlosigkeit, Willkür und Gewalt identifiziert werden.

Mit jeder Bombe, die fällt und jedem westlichen Soldaten, der auf dem Territorium Afghanistans tötet, verschließt der reiche Teil dieser Welt seine Sinne vor dem Leiden der Menschen des Südens. Daran ändert auch die scheinbare Wende im aktuellen Kriegsverlauf nichts. Mit den Angriffshandlungen unterminiert der Westen nicht nur die Idee einer Rechtsgemeinschaft gegen den Terror, sondern verrät seine eigenen Prinzipien. Der unerklärte Krieg wird nicht mehr geführt, um den Terrorismus zu bekämpfen, sondern nur noch, um den Ruf militärischer Unbesiegbarkeit aufrecht zu erhalten. Mit jedem Kriegstag dort und jedem neuen Sicherheitsgesetz hier werden jene Freiheiten gefährdet, die es angeblich zu verteidigen gilt, und genau die Flüchtlinge ausgegrenzt, die durch diesen Waffengang und seine Folgen erzeugt werden.

Am 11. September haben nicht nur Tausende von Menschen einen grausamen Tod erlitten, sondern auch die westliche Zivilisation eine Niederlage. Die durch das Attentat Ermordeten werden durch den Krieg gegen die Taliban nicht mehr lebendig. Mit jedem Kriegstag wächst jedoch das Risiko eines noch größeren militärischen, moralischen und politischen Desasters. Noch lässt sich aus der bisher erfahrenen Niederlage lernen. Noch immer besteht die Chance, zu Verhandlungen zurückzukehren und eine politische Lösung zu erreichen, die die Wiederherstellung des Rechts, die Schaffung von Gerechtigkeit und den sozialen Ausgleich in Afghanistan und in der Welt zum Ziel hat.

Frankfurt/Main (Deutschland), den 13.11.2001

Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner: José Saramago (Portugal, Literaturnobelpreis 1998) - Günter Grass (Deutschland, Literaturnobelpreis 1999) - Adolfo Pérez Esquivel (Argentinien, Friedensnobelpreis 1980) - Rigoberta Mench Tum (Guatemala, Friedensnobelpreis 1992) - José Ramos-Horta (Osttimor, Friedensnobelpreis 1996) Adonis (Ali Ahmad SaÆîd Esbir) (Frankreich/Libanon) - Orhan Pamuk (Türkei) - Mahmoud Darwisch (Palästina) - Ogaga Ifowodo (Nigeria) - Harold Pinter (Grossbritannien) - Faraj Sarkohi (Iran) - Juan Villoro (Mexiko) - Abdourahman A. Waberi (Djibouti/Frankreich) - Sean McGuffin (Irland) - Christa Wolf (Deutschland) Uri Avnery (Israel) - Monse or Samuel Ruiz Garcøa (Mexiko) - Danielle Mitterrand (France-Liberté, Frankreich) - Dr. Paz Rojas Baeza (CODEPU, Chile) - Akin Birdal (Menschenrechtler, Türkei) - Dr. Jean Ziegler (Delegierter der Schweiz bei den Vereinten Nationen) - Günter Gaus (Deutschland) Prof. Giorgio Agamben (Italien) - Prof. Neville Alexander (Südafrika) - Prof. Francis A. Boyle (USA) - Prof. Judith Butler (USA) - Prof. Hajo Funke (Deutschland) - Prof. Axel Honneth (Deutschland) - Prof. Walter Jens (Deutschland) - Prof. Steve Lukes (Grossbritannien/Italien) - Prof. Jean-Luc Nancy (Frankreich) - Prof. Bertrand Ogilvie (Frankreich)

Der Aufruf wurde von medico international (Friedensnobelpreis 1997) initiiert, sein Autor ist Prof. Micha Brumlik, Universität Frankfurt.

Zusatz der Initiatoren

Der Deutsche Bundestag entscheidet jetzt, ob Deutschland zum ersten Mal nach der Kapitulation vom 8. Mai 1945 an einem Krieg teilnehmen wird, dessen politische Ziele nicht im mindesten definiert sind und der auch nicht mehr vom Hauch einer humanitären Legitimation gedeckt ist. Wir, die Initiatoren dieses internationalen Aufrufes, bitten die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, dem Eintritt Deutschlands in diesen Krieg ihre Zustimmung zu verweigern.

Siehe auch das FR Top-Thema

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 13.11.2001 um 22:06:29 Uhr
Erscheinungsdatum 14.11.2001