Es geht hier wohl in der Tat nicht nur um Kollateralschäden - sondern auch um's Prinzip!


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Posted by Tobias Werner on November 03, 2001 at 09:41:36:

In Reply to: Kollateralschäden posted by Bodo Rasler on November 02, 2001 at 23:09:58:

UNO und USA: Wenn zwei das Gleiche tun, ist’s nicht das Gleiche!

Sehr geehrter Herr Rasler,

Da sie nicht auf meinen Beitrag bisher nicht eingegangen sind, möchte ich nun auf ihre Beiträge eingehen, wobei ich dabei sicher vieles aus meine Vorbeiträgen wiederhole.


Beim Thema Kollateralschäden möchte ich hier mal auf die jüngsten Beiträge im Forum der Liberalen (www.liberale.de, Reihe der schmutzige Krieg gegen Afghanistan) verweisen (aber nicht bzw. weniger auf die meinigen), wahrscheinlich stelle ich dort noch einen dsbzgl. Beitrag ein. Genaugenommen sind bzw. wären aus dieser Sicht (wenigstens jetzt) wohl weitere Bodentruppen die bessere und fairere Variante, da hier wohl eine prinzipiell bessere Zielgenauigkeit auf militärische Ziele erreicht werden könnte. Auch das tiefere Fliegen der Bomber hätte wohl ein paar Kollateralschäden verhindern können- aber man hätte dann ja das Leben der eigenen Soldaten gefährdet, also das Leben von US-Amerikanern! So dumm sind doch aber nur Selbstmord-Terroristen, gel?
Ach ohne die Gefahr von Kollateral-Toten, bin bzw. wäre ich hier gegen das gewählte Vorgehen, da die Kollateralschäden und Toten eben „nur“ ein Punkt einer gerade auch langfristigen Nutzen-Risko Rechnung sind, welche hier ja sicher für alle Völker aufgestellt werden muss. Eine verantwortliche und für alle nachvollziehbare Gesamtrisikoabschätzung muss hier alle Risiken formulieren und versuchen zu quantifizieren. Auch muss man – wie bei Kriegen – hier vor allem die Motive und Ziele der Terroristen prüfen und beachten, welche ja nicht nur aus Spaß an der Freud zerstört und gemordet haben. Angesichts der prinzipiellen Inkaufnahme der Tötung von Zivilisten ist jedenfalls nicht nur zu beachten, dass es im Falle des Fortbestandes des Taliban-Regimes – wie schon seit fast zehn Jahren - zu diversen schädlichen, auch tödlichen, Auswirkungen auf die afghanische Bevölkerung kommt, was im Irak ja auch durch das Öl-Embargo geschieht. Stattdessen muss es wahrscheinlich sein, dass es durch die durchgeführten Maßnahmen am Ende weniger Tote und Schäden gibt, was aber nur durch die Herstellung einer langfristig tragenden, also gerechten, politischen Lösung für Afghanistan, offenbar aber auch den Nah-Ost-Konflikt (ja sogar der Welt), gewährleistet werden kann. Und hier, also bei der Gesamtrisiko-/Nutzen-Bewertung und bei der Aufzeigung eines realistischen Nach-Taliban-Konzepts liegt m.E. eben der Hase (immer noch) im Pfeffer! Eine der wichtigsten Fragen ist dabei die, wie hoch das Risiko von Wiederholungs- und Nachahmertaten ohne und mit diesen militärischen Gegenreaktionen einzuschätzen ist (- stand dazu auch schon was im Spiegel?) und zweitens, ob hier – angesichts der jeweils prompten Ablehnungen der Taliban-Angebote durch die USA - wirklich alle Verhandlungsspielräume ausgeschöpft wurden!!!???
Dass weitere Attentate in keinem Fall sicher auszuschließen sind, sieht man ja schon an den westlichen Anthrax-Nachahmern. Auch die Erfolgsaussichten und diplomatische Kollateralschäden durch die diversen Maßnahmen, müssten hier m.E. im einzelnen öffentlich wenigstens ein mal durchdiskutiert und abgewogen werden!
Ich kann Sie hier weiterhin nur auf den von mir beschriebenen Weg hinweisen, wo ich denke, dass die Risiken so z.T. klarer (und für alle nachvollziehbarer) bestimmt werden könnten und wohl auch geringer ausfallen dürften, aber auch der von Ihnen hier eingestellte Vorschlag von Frau Vollmer, welche sich hier offenbar auch in innenpolitischer Schadensbegrenzung bemüht ist, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung und besser als gar nichts, also als das bisher gehörte. Für eine Mit-Regierende ist es dies heute ja schon ein ungewohntes Aufbrechen der bisherigen „Denk-“vorgaben (gerade auch ihres ministeriellen Parteikollegen). Wenn die Engländer einfach und ungefragt (öffentlich) Mitbomben, warum hätten die Deutschen dann nicht einfach (öffentlich) z.B. um eine stärkere Einschaltung der UNO, oder um die nochmalige Prüfung des letzten Verhandlungsangebotes der Taliban bitten können?
Wer weiß schon, ob es sich bei diesen Hintermännern des Terrorismus ja doch nicht nur um ein paar irre religiöse Fanatiker handelt? Politisch und psychologisch sind sie ja doch sehr versierte Personen bzw. Kämpfer, vielleicht(!) geht es ihnen doch nicht nur um einen panarabischen islamischen Gottesstaat. Auch bestehen ja wohl einige Verbindungen und Sympathien zu Eliten und Gruppierungen in ja wohl fast alle arabischen Staaten (Was sie alles nun so ganz genau wollen, ist mir bis heute noch nicht ganz klar, was eine glasklare Positionierung sicher in jeder Hinsicht erschwert!).

Bevor eine verantwortlich handelnde Regierung zu irgendwelchen Militärmaßnahmen jemandem aber wiederholt seine uneingeschränkte (!) Solidarität versichert, sollte sie sich über all diese Fragen aber wenigstens doch einigermaßen im klaren sein, und all dies auch seinem ja die Soldaten stellenden Volk ordentlich und differenziert vermitteln können....Es reicht hier – wie geschehen – eben keinesfalls aus, einfach nur die Hintergrundtäterschaft von Bin-Laden und Co festzustellen um dann ohne jede Verhandlungsversuche und kritischer Reflektion das Opfer zum Polizisten zu erklären und ihm dann quasi auch noch freie Hand zu lassen um die evtl. Täter vor ein eigenes Gericht zu bringen, diese Taktik geht hier – soweit ich dies beurteilen kann – wohl doch nicht auf, was ich eher begrüße als bedauere!
M.E. (!, ich bin ja aber nur dummes Fussvolk) geht es hier ja gerade auch darum diese in der bisherigen weltpolitischen Praxis immer noch fortbestehende, ja sich sogar verstärkende US-Dominanz endlich einzudämmen, welche sich eben in der Tat wohl auch hemmend auf eine Lösung des Nahost-Konfliktes ausgewirkt hat. Auch hier vermitteln ja meist die USA, aber nie die UNO. Die wurde und wird von den Großmächten, gerade auch den USA, eben immer schön kurz gehalten, das eigene Rüstungsbudget hingeben immer schön obengehalten So soll es wohl am liebsten bis in alle Ewigkeit sein!
Mit den derzeitigen Angriffen gießt man – zumindest seit der prompten Ablehnung des Auslieferungsangebotes an ein Drittland - hier m.E. eher Benzin statt Wasser ins Feuer! Der von Frau Vollmer beklagte Uneinigkeit der Europäer wurde in den letzten Jahren auch von deren Partei nur sehr unzureichend entgegengewirkt - und: Wird uns nicht immer wieder erzählt, dass sie sich gerade in dieser Frage, alle Europäer einig sind? Hier sind sich wohl eher die Regierenden einig und die Mehrheit der Völker aber wohl auch.....(aber, ich geb es ja zu – und das gilt bei Gott nicht nur für die Afghanen: Jedes Volk hat nun mal halt nur die Regierung, die es sich verdient)
Also noch mal: Wenn die UNO-Vollversammlung diese Aktionen beschlossen hätte und die UNO pro forma das Oberkommando (auch über die US-Truppen) übernehmen würde, würde die Aufregung und Gefährdung in Arabien und in allen anderen nichtamerikanischen Staaten und „Enklaven“ dieser Welt, sicher wesentlich(!) geringer ausfallen als jetzt. Zumindest in dieser Frage gäbe es dann keinen Grund für antiamerikanische Vorbehalte mehr. Auch Herr Genscher, sprach jetzt ja von der dringenden (bisher sogar vernachlässigten) Reformbedürftigkeit der globalen Sicherheitsstrukturen (s. Gespräch in der aktuelle Zeit) und der Notwendigkeit zur Abrüstung (also nicht - wie auch wieder bei Bush gängige Praxis - zur Aufrüstung). Nur sollte man dies (m.E.) unbedingt auch schon bei der Bekämpfung bzw. Bearbeitung dieses Falles, zumindest im Rahmen der ja schon bestehenden Möglichkeiten in Angriff nehmen und praktizieren!
Wetten, dass die UN-Vollversammlung so ohne weiteres (wie bisher) keine weiteren derartigen Bombenangriffe auf Afghanistan gutheißen würde? Wetten, dass die Taliban Bin-Laden und Co dann auch freiwillig an ein internationales (!) Gericht ausliefern würden (so sie es, was ich vermute, überhaupt können)?
Also: Ihre Argumentation ist sicher nicht (direkt) falsch, sie muss nur in „dem richtigen“, also zumindest in größeren Zusammenhängen gesehen werden, sag ich hier mal so einfach. Es dabei aber durchaus sein, dass diese darin trotzdem eine zentrale bzw. entscheidende Rolle spielt, man darf auch diesen Aspekt keinesfalls unterbewerten.
Zum Abschluss noch eine Nebenfrage: Soll die USA mit dieser bzw. ihrer Begründung dann auch gleich noch S. Hussein (bzw. seine Regime) wegbomben und auch im Kongo für Ordnung zu sorgen (bisher 2 Mio Tote durch die dortigen Warlords? Sind es wirklich nur die (hier (dann also noch) fehlenden) World-trade-Center Attentate die hier das unterschiedliche Vorgehen der USA und des Westens begründen?

Facit: Gerade demokratische Regierungen sollten erst differenziert und offen denken, dann differenziert, (und gut begründet) handeln!

Mit freundlichem Gruß
Tobias Werner




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